Grün gegen Grau - Wie wir mit kleinen Taten Großes bewirken

Ordnung ist das halbe Leben - Dieses Motto macht sich auch in immer mehr Gärten von Grundstückseigentümern bemerkbar.  In den vergangenen Jahren verstärkte sich vor allem in Neubaugebieten der Trend Schottergärten anzulegen. Zugegebener Weise ist dieser äußerst praktisch, wenn man die Gartenarbeit - sei es aus Zeitmangel, fehlenden Kenntnissen der Pflege oder Bequemlichkeit - eher ablehnt aber trotzdem alles geordnet aussehen soll. Insbesondere für Grundstückseigentümer, die nur saisonal ihre Wohnung beziehen, erscheint dies als sehr komfortabel. So spitzte sich auch auf Borkum der Schottergarten-Trend in den vergangenen Jahren drastisch zu.


Doch was sind eigentlich Schottergärten? Es handelt sich dabei um großflächig mit Steinen bedeckte Gartenflächen. Bei diesen wird die humose Oberschicht des Erdbodens entfernt und der verbleibende Boden mit einem Vlies oder mit Folie abgedeckt. Im Anschluss wird diese mit einer Schicht aus Kieseln, Schotter, Granit oder ähnlichen Material zugedeckt. Dadurch gehen wichtige natürliche Funktionen des Bodens verloren, welche nicht nur für Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, sondern auch für die Lebensqualität des Menschen von großer Bedeutung sind.

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Deshalb scheiden sich an Schottergärten die Geister. Das liegt nicht allein an der Tatsache, dass sie für die einen schön als auch pflegeleicht und für die anderen zu steril und wenig ästhetisch erscheinen. Über Geschmäcker kann man bekanntlich streiten. Doch unabhängig vom Ästhetik-Konflikt gibt es einen klaren Verlierer: Schottergärten. Der Grund ist simpel: Sie verstoßen gegen die Landesbauordnung. Die Niedersächsische Bauordnung (NBauO) § 9 Absatz 2 besagt: „Die nicht überbauten Flächen der Baugrundstücke müssen Grünflächen sein, soweit sie nicht für eine andere zulässige Nutzung erforderlich sind.“ Folglich ist die Anlage eines reinen Schottergartens mit nur vereinzelten Pflanzen nicht zulässig. Dabei ist diese Rechtsprechung nicht allein auf das von Vielen wahrgenommene eintönige Erscheinungsbild von Schottergärten zurückzuführen, sondern beruht auf einer ganzen Reihe von Ursachen:
 

Besonders gravierend wirken sich Schottergärten auf den Bestand und die Biodiversität von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen aus. Ohnehin nimmt die Flächenversiegelung und damit die Lebensraumzerstörung von Flora und Fauna sowohl weltweit als auch auf nationaler Ebene stark zu. Zusätzlich trägt die Intensivierung in der Landwirtschaft im hohen Maß hierzu bei. Die Gefährdung des Lebensraums stellt demnach auch die Hauptursache des Insektensterbens - noch vor dem Pestizideinsatz - dar. Laut Untersuchungen des Instituts für Umweltforschung der RWTH Aachen stellte sich heraus, dass zahlreiche Wildbienenarten in die Städte ausweichen, da es dort immerhin den ein oder anderen liebevoll mit nektar- und pollenspendenden Blütenpflanzen angelegten Garten oder Balkon gibt. Dies zeigt, dass viele Arten das Angebot nutzen, wenn es vorhanden ist obgleich sie sich dafür neu orientieren müssen – Es gilt das Motto: Immerhin besser als nichts! Wählerisch dürfen sie in einer vom Menschen stark beeinflussten Landschaft nicht sein. Aber nicht nur Blütenpflanzen im Garten bieten eine Lebensgrundlage für heimische Tierarten. Auch naturnahe Strukturen wie etwa Hecken und Sträucher stellen insbesondere für Vögel potentielle Nistmöglichkeiten dar, welche ihren Fortbestand fördern.
 

Generell sind Rasenflächen mit diversen Blütenpflanzen, Sträuchern, Bäumen und Hecken ideal. Letztere sollten künstliche Sichtschutzwände ersetzen. Kommt das Bepflanzen des Gartens überhaupt nicht in Frage, sei darauf hinzuweisen, dass im Vergleich zu Schotter und Stein, schon eine reine Grasfläche eine weitaus ökologischere Variante darstellt, da hierdurch die natürlichen Funktionen des Bodens wie die Puffer- und Speicherkapazität von Nährstoffen und Wasser sowie die CO²-Speicherung, erhalten bleiben. Außerdem bietet Boden einen Lebensraum für diejenigen, deren Bedeutung für die Meisten von uns wohl in Vergessenheit geraten ist: Die Mikro-, Meso- und Makroflora sowie die Mikro- Meso- und Makrofauna, zu denen zahlreiche Bakterien, Pilze, Viren und Insekten gehören und im Wesentlichen zu einem intakten Ökosystem beitragen.
 

Wie wichtig der Schutz von Ökosystemen global ist, macht sich auch durch die derzeitige Krise deutlich, welche als eine Folge der Zerstörung von Lebensräumen zu verstehen ist. Es ist das beste Beispiel dafür, dass unsere Lebensqualität und Gesundheit direkt vom Erhalt der Ökosysteme abhängen. Und nein- nicht nur der brasilianische Regenwald ist gefährdet- auch in Deutschland verschwinden zunehmend intakte Biotope. Und ja - auch kleine Projekte können Großes bewirken. Zwar ist die Zahl der Mikroorganismen von Boden- zu Bodentyp sehr unterschiedlich, jedoch schätzen Wissenschaftler, dass in einer Hand Bodensubstanz mehr jener existieren als Menschen auf der Erde. Mit kleinen Flächenversiegelungen zerstören wir somit zahlreiches Leben. Im Gegenzug können wir aber auch mit wenig Aufwand viel bewirken!
 

Borkum liegt im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und zeichnet sich durch seine große Artenvielfalt aus. Aufgrund des hochdynamischen Lebensraumes, welches die ostfriesischen Inseln auszeichnet, kommen viele Arten global betrachtet nur hier vor. Auch sind viele Insektenarten auf diesen Lebensraum angewiesen und weisen eine hohe Biodiversität auf, was eine Besonderheit unserer Heimat darstellt, die es zu bewahren gilt.
 

In diesem Interesse hat das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz das „Aktionsprogramm Insektenvielfalt Niedersachsen“ in die Wege geleitet, über dessen Anlass und Ziele in einer Broschüre informiert wird. Diese steht Ihnen sowohl im Rathaus der Stadt Borkum als auch online auf der Homepage der Stadt Borkum unter „Natur, Umwelt und Verkehr“ frei zur Verfügung.
 

Bei weiterem Interesse sind die Forschungsarbeiten der Universität Oldenburg zum Thema "Die Flora und Fauna der Ostfriesischen Inseln" unter der entsprechenden Homepage zu empfehlen: (http://www.natosti.uni-oldenburg.de/).

Zudem kann auf Schottergärten bei entsprechender Wetterlage nicht genügend Regenwasser aufgrund der sogenannten Wurzelsperre versickern. Dabei handelt es sich um eine Plastikschicht, die das Durchwachsen von Pflanzen und Wurzeln aus tiefer gelegenen Schichten verhindern soll. Im Stadtgebiet mit ohnehin starker Flächenversiegelung verschärft sich dadurch die Überlastung des kommunalen Abwassersystems. Daher ist die Förderung natürlicher Böden mit Gras- und Pflanzenbewuchs wesentlicher Bestandteil eines nachhaltigen Stadtentwicklungskonzeptes, für dessen Umsetzung sich auch die Stadt Borkum aktiv einsetzt. Die klimatischen Veränderungen führen auch in Ostfriesland zu steigenden Temperaturen. Asphalt-, Beton- aber auch Schotter absorbieren die UV-Strahlung der Sonne stark und geben dadurch Wärmeenergie an die Atmosphäre ab. Vor allem an heißen Sommernächten macht sich dies bemerkbar. Bezüglich dessen ist helles Material dem dunklen prinzipiell vorzuziehen. Man kennt ja die Bilder aus den südlichen Ländern, wo die hellen Bauwerke dominieren. Im Sinne einer wirksamen Klimaanpassungsmaßnahme in unserer Klimazone sei dies wohl zukünftig als Vorbild zusehen. Im Idealfall sollten jedoch Versiegelungen durch Grünflächen ersetzt werden. Denn hierbei wird sowohl die UV-Strahlung hauptsächlich reflektiert, wodurch es zu keiner Umwandlung der Strahlungsenergie in Wärmeenergie kommt, als auch kühlendes Wasser verdunstet. Besonders im Stadtbereich ist die Erhitzung der Atmosphäre ein Problem, da diese für die Menschen vor Ort eine verstärkte Hitzebelastung darstellt. Vor allem bei Kindern, Senioren und Personen mit Vorerkrankung erhöht sich durch den Hitzestress das Risiko an Krankheitssymptomen wie etwa Migräne zu erleiden. Außerdem fördern Grünflächen den Abbau von Stressfaktoren wie Lärm- und Feinstaubbelastungen. Die Bedeutung von Grünflächen für unsere Gesundheit wird demnach häufig unterschätzt.
 

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Uns muss bewusst sein, dass die Rechtsprechung nach Niedersächsischer Bauordnung, Schottergärten zu unterlassen, schlichtweg im Sinne unserer Gesundheit steht und somit jeden Einzelnen betrifft.
 

Vor diesem Hintergrund wird die Stadt Borkum künftig gegen Verstöße gegen die NBauO vorgehen und fordert die Bürger*innen mit Steingärten oder versiegelten Flächen auf, diese zurückzubauen. Dies entspricht ebenso dem ehrgeizigen Ziel Borkums bis 2030 klimaneutral zu werden, für dessen Umsetzung Sie einen entscheidenden Beitrag leisten können.

Lasst uns zusammen unsere Insel nachhaltig gestalten und die Besonderheit der Heimat bewahren.
 

Für Auskünfte steht die Umweltbeauftragte der Stadt Borkum, Frau Inga Thelen, zur Verfügung. Sie ist unter der Durchwahl 303-205 zu erreichen.